Deutschland hat seinen Rückstand selbst gewählt

Laut Karl-Heinz Paqué schafft ein größeres Wirtschaftswachstum auch mehr Freizeit. Das mag im ersten Moment paradox klingen, denn eigentlich verzichtet derjenige auf mehr Produktion und Einkommen, der die Freizeit gegenüber der Arbeit vorzieht. Genau deshalb ist die Freizeit ein Ergebnis des Wachstums selbst. Karl-Heinz Paqué erklärt: „Erst wenn die Menschen ihre dringendsten materiellen Wünsche erfüllen können, drängen sie nach mehr Freizeit.“ So ist es nicht verwunderlich, dass in den meisten Industriestaaten die Arbeitszeit seit dem 19. Jahrhundert deutlich zurückgegangen ist. Arbeiteten die Deutschen im Jahr 1870 im Durchschnitt noch fast 3.900 Stunden, sind es heute gerade noch 1.700 Stunden.

Die meisten Deutschen geben dem Geld vor der Freizeit den Vorzug

Karl-Heinz Paqué stellt allerdings fest, dass sich das Tempo zu immer kürzeren Arbeitszeiten seit 1970 deutlich verlangsamt hat. Obwohl die Wirtschaft wächst sind in den letzten Jahren keine Arbeitszeitverkürzungen mehr auszumachen. Die meisten Menschen in Deutschland wollen nicht mehr freiwillig auf Arbeit anstelle von Freizeit verzichten. Karl-Heinz Paqué schreibt: „In der Abwägung zwischen mehr Geld und weniger Arbeit wählen die Menschen heute mehr Geld.“ Das hat seiner Meinung aber nichts mit Gier zu tun, sondern einfach damit, dass noch mehr Freizeit weniger Befriedigung bringt als das zusätzliche Einkommen, das dafür erarbeitet werden kann.

In dieser Hinsicht gleichen sich die Deutschen ihren europäischen Nachbarstaaten an, die alle, bis auf die Niederländer, länger arbeiten. Außerhalb Europas gibt es noch deutlich längere Arbeitszeiten. Das gilt selbst für reiche Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan, in denen im Schnitt 25 Prozent mehr Stunden pro Jahr als in Deutschland gearbeitet wird. Karl-Heinz Paqué führt diese gewaltigen Unterschiede auf die unterschiedlichen Grundeinstellungen und Vorlieben der Menschen in unterschiedlichen Ländern zurück.

Verzicht und Selbstbescheidung sind ein Charakteristikum der Deutschen

Für die Interpretation von Wohlstand und Produktivität müssen solche Unterschiede laut Karl-Heinz Paqué mitberücksichtigt werden. Als Beispiel nennt er die USA, die in den verschiedenen Rankings beim Prokopfeinkommen bis zu 20 Prozent vor Deutschland liegen. Die Erklärung liegt für ihn in der starken Vorliebe der Deutschen für die unbezahlte Freizeit. Karl-Heinz Paqué schreibt: „Es geht also um einen selbst gewählten Rückstand unseres Landes.“

Karl-Heinz Paqués Fazit lautet, dass Verzicht und Selbstbescheidung anscheinend schon heute ein Charakteristikum der Deutschen sind. Auch als Reiseweltmeister genießen die Deutschen oft mehrmals einen Urlaub in den Sonnenländern des Südens. Karl-Heinz Paqué schreibt: „Die Deutschen sind eben längst hedonistische Lebenskünstler.“ Allerdings kehrt sich dieses Fazit um, wenn man die Deutschen bei ihren Freizeitbeschäftigungen beobachtet. Der Boom der Baumärkte spricht dafür eine deutliche Sprache. Vielleicht sind die Deutschen doch harte Arbeiter.

Kurzbiographie: Karl-Heinz Paqué

Karl-Heinz Paqué stammt ursprünglich aus dem Saarland. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre und hat seit 1996 den Lehrstuhl für Internationale Wirtschaft an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg inne. Außerdem steht er der dortigen Fakultät für Wirtschaftswissenschaft als Dekan vor.

Von 2002 bis 2006 war er Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt. Es ist Mitglied des Konvents für Deutschland und Autor folgender Bücher: „Die Bilanz – Eine wirtschaftliche Analyse der Deutschen Einheit“ (Carl Hanser Verlag 2009) und „Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus“ (Carl Hanser Verlag 2010).

Von Hans Klumbies