Die Märkte haben in Europas Finanzkrise versagt

Der Ökonom Paul de Grauwe, der an der Katholischen Universität Leuven lehrt, findet es ganz in Ordnung, dass Griechenland ein Teil seiner Schulden erlassen wird. Er kritisiert, dass die Politiker bisher immer gesagt haben, die Griechen müssten sparen. Er nennt den Grund: „Aber deswegen schrumpft ihre Wirtschaft, und dann werden die Schulden nur noch drückender.“ Laut Paul de Grauwe hilft es nur noch, Griechenland von rund 50 Prozent seiner Verbindlichkeiten organisiert zu entheben. Die Banken müssen dann ihre Verluste einräumen. Ein Schuldenerlass für Griechenland wirft allerdings die Frage auf, warum dann Länder wie Irland, Portugal oder Spanien ihre Schulden zu 100 Prozent zurückzahlen sollten. Paul de Grauwe sagt zwar, dass man kein Land zwingen kann, seine Schulden zu begleichen, da die Staaten souverän sind. Er schränkt allerdings ein: „Aber wenn es nicht bezahlt, wird das Leben bald unangenehm. Das Land verliert den Zugang zum Kapitalmarkt und kann auf Jahre hinaus kaum noch Kredite aufnehmen.“

ArbeitsmarktDie Märkte waren die Quelle der Unvernunft

Wenn Griechenland ein Teil seiner Schulden erlassen wird, wird es laut Paul de Grauwe praktisch übernommen. Seiner Meinung nach wird es auch heute schon zum Teil von Ausländern regiert. Er glaubt nicht, dass die griechische Regierung diesen Zustand auf Dauer ertragen möchte. Paul de Grauwe beanstandet, dass sich jahrelang niemand um die hohen Schulden in Griechenland gesorgt hat – auch die Märkte nicht, von denen die Kredite stammten. Der Ökonom sagt: „Vor der Krise haben die Märkte die Regierungen überhaupt nicht diszipliniert.“

Die Märkte waren für Paul de Grauwe eine Quelle der Unvernunft, da sie weder die Regierungen, die Banken noch die Privatleute von riskanten Strategien abgehalten haben. Es waren gemäß Paul de Grauwe nicht die Regierungen, die sich so maßlos verschuldet haben, da sie noch die Vernünftigsten waren. Der Ökonom erklärt: „In den meisten Ländern außer Griechenland ist die Verschuldung zurückgegangen. Schulden gemacht hat der Privatsektor, haben die Firmen und Privatleute, und als die Finanzkrise kam, mussten die Regierungen die Scherben aufsammeln.“

Den verschuldeten Staaten in Europa muss geholfen werden

Paul de Grauwe dankt Gott, dass die Staaten die Schulden auf sich genommen haben. Nun muss Europa aber auch den verschuldeten Staaten helfen. Allerdings vertraut der Ökonom dem Markt nicht, dass er den Regierungen dafür genug Zeit lässt. Er gibt auch zu, dass die Anreize, die Schulden unter Kontrolle zu halten für zum Beispiel Italien, schlechter werden. Die Ökonomie nennt dies „Moral Hazard“. Für die Regierungen wirkt das so, als sei dem Sparen nicht mehr die oberste Priorität zuzuschreiben. Paul de Grauwe fordert: „Deshalb muss es Mechanismen geben, die die Schulden im Zaum halten.“

Die Europäische Zentralbank (EZB) muss laut Paul de Grauwe die Staatsanleihen der gefährdeten Euroländer kaufen. Der Ökonom begründet dies wie folgt: „Irland, Spanien und die anderen Länder sind ja im Prinzip finanzkräftig, sie sind gerade nur nicht richtig flüssig. Wenn die EZB sich dazu verpflichtet, die Anleihen zu kaufen, kann sie die Ansteckung verhindern.“ Paul de Grauwe nennt als Beispiel Amerika und Großbritannien, die über Zentralbanken verfügen, die der Regierung in der Not unbegrenzt Geld leiht. Genauso sollte sich die Europäische Zentralbank verhalten.

Von Hans Klumbies